Bibliotheksleitungen kennen das Versprechen: Die Bibliothek als dritter Ort, neben Zuhause und Arbeitsplatz. Ein Raum für Begegnung, Lernen, Aufenthalt. Offen für alle. Eine vielfältige Stadtgesellschaft braucht solche Orte.

Das klingt nach Zukunft. Und es verändert alles.

Denn wer einen Ort für alle öffnet, bekommt auch alle Konflikte einer Gesellschaft ins Haus: Menschen, die Schutz suchen, aber keine Ruhe finden. Jugendliche, die Raum brauchen, aber Grenzen testen. Nutzungskonflikte zwischen denen, die Stille wollen, und denen, die Gemeinschaft suchen.
Die ehrliche Frage, die selten gestellt wird: Ist die Organisation darauf vorbereitet?

  • Bibliothekar:innen wurden ausgebildet, um Wissen zu erschließen – nicht um soziale Konflikte zu moderieren, Hausverbote auszusprechen oder psychische Krisen zu erkennen. Die Rollenverschiebung ist real, aber Strukturen, Prozesse und Kompetenzen sind oft noch die alten.
  • Jede neue Rolle destabilisiert eine Organisation. Etablierte Gewohnheiten funktionieren nicht mehr, Entscheidungswege werden in Frage gestellt. Wer das nicht aktiv gestaltet, überlässt den Wandel dem Zufall.
  • Ohne klare Priorisierung überfordert der Wandel die Organisation. Wer „dritter Ort“ sagt, ohne in Personalentwicklung, Supervision und klare Regeln zu investieren, verlagert die Kosten der Transformation auf die Mitarbeitenden.

Das ist keine Frage von Haltung. Es ist eine Frage von Organisationsentwicklung.

Bibliotheken können Orte des gesellschaftlichen Zusammenhalts werden. Aber nur, wenn Leitungen die Entscheidung für diese Rolle auch nach innen konsequent durchdeklinieren – und bereit sind, den Preis dafür zu zahlen: in Ressourcen, Strukturen und Führungszeit.

Wie verändert sich die Arbeit in Ihrer Bibliothek – und wer trägt die Last des Wandels?

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